Die erektile Dysfunktion aus der Sicht der Partnerin

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Franziska aus Bottrop ließ ihrer Verzweiflung in ihrem hilfesuchenden Forumsbeitrag freien Lauf. Sie verstehe ihren Mann nicht mehr. Zwölf Jahre seien sie verheiratet, zwei Kinder seien aus der Beziehung hervorgegangen. Zwar sei nicht immer alles eitel Sonnenschein gewesen, klar, aber im Großen und Ganzen hatte sie ihre Beziehung immer als glücklich eingestuft. Beide waren immer füreinander da, Probleme wurden nie ausgesessen, sondern zusammen gelöst.

 

Doch seit einige Monaten begann sich ihr Mann zurückzuziehen, obwohl sie immer noch versuchte, ihm die Wünsche von den Augen abzulesen. Zunächst schränkte er den körperlichen Kontakt nach und nach ein, seit einigen Wochen redete er auch kaum noch mit ihr und wenn, dann war er zumeist kurz angebunden und mürrisch. Eine andere Frau schloss Franziska aus, soviel sei sicher. Die Antworten der anderen Forumsmitgliederinnen waren vielfältig, man habe sich eben auseinandergelebt, so etwas passiere und sei ganz natürlich. Andere meinten, sie solle nicht das naive Dummchen spielen, klar habe sich der Kerl eine Jüngere gesucht, sie solle doch einmal seine Mails und SMS checken, wenn er nicht da sei, dann werde sie schon sehen. Die Diskussion zog sich über einige Seiten hin, bis sich mit Katrin eine etwas ältere Administratorin zu Wort meldete und die Diskussionsteilnehmerinnen darum bat, doch bitte nicht über Dinge zu spekulieren, die unnötig Misstrauen sähen und somit die Beziehung gefährden könnten.

 

Auf Franziskas verzweifelte Fragen antwortete sie, dass sie sich ihre Situation lebhaft vorstellen könne, da sie diese selbst vor einigen Jahren erlebt habe. Sie solle sich zunächst erst einmal beruhigen, das Problem liege nicht unbedingt bei ihr, sondern bei ihrem Partner. Zumindest war es bei ihr damals so. Nach einiger Zeit des schiefsitzenden Haussegens kam heraus, dass ihr Mann unter einer Erektionsstörung gelitten hat. Auch Katrin habe es erst spät herausgefunden und Druck auf ihren Mann ausgeübt, doch endlich zu besprechen, was los ist. Damit hatte sie einen Fehler begangen, der sie beinahe ihre Ehe gekostet hatte. Denn Männer, die ihr Selbstbild unter anderem auch über ihre sexuelle Leistungsfähigkeit definieren, fühlen sich in ihrer Identität angegriffen, weshalb das Thema der erektilen Dysfunktion mit einem Tabu belegt ist. Aus Scham beginnen sie sich immer mehr zurückzuziehen auch von der Partnerin, da es nicht auszudenken wäre, wenn sie es erfahre. Sie müsse ihn doch dann als Versager und halben Mann wahrnehmen. Doch irgendwann öffnen sich die meisten Männer und suchen das Gespräch.

 

Franziska sollte doch zunächst einmal den Druck etwas herausnehmen und ihren Partner das Problem in Ruhe verarbeiten lassen. Wie lange dies dauert, könne keine sagen, jeder Mann geht anders damit um. Diese Zeit könne Franziska gut nutzen, um mehr über das Problem der erektilen Dysfunktionen zu erfahren. Zahlreiche Webseiten im Internet geben Rat und auch die Beratungsstellen stehen den Partnerinnen von betroffenen Männern hilfreich zur Seite. Bei dem folgenden Gespräch mit ihrem Mann sei es wichtig, unbedingt sachlich zu bleiben und auf jeden Fall auf Schuldzuweisungen, Vorwürfe oder bagatellisierende Phrasen „Sex ist doch nicht wichtig“ zu verzichten. Denn wie wichtig Sex und Nähe in einer Beziehung ist, zeigt doch bereits die schwierige Situation, die nicht entstanden wäre, wenn Sex tatsächlich unwichtig wäre. Franziska solle ihrem Mann zeigen, dass sie auch in dieser schwierigen Lebenssituation zu ihm steht und die Phase der erektilen Dysfunktion kein Beinbruch ist. Zumal es heutzutage doch sehr gut behandelt werden kann, die Medizin habe in den vergangenen Jahren auf diesem Gebiet enorme Fortschritte gemacht.

 

Damit ist auch der Einstieg in den nächsten wichtigen Schritt bereitet – der Gang zum Arzt. Denn meist ist die erektile Dysfunktion nur das oberflächliche Problem, das viel tiefer reicht. Erektionsprobleme können durch Vorerkrankungen ausgelöst werden, die auch gravierend ausfallen können. Dazu gehören unter anderem Bluthochdruck, eine Herzinsuffizienz oder Diabetes. Auch eine Vergrößerung der Prostata, Fettstoffwechselstörungen oder eine Arteriosklerose können die Ursache sein. Je früher diese Erkrankungen behandelt werden, umso schneller kann wieder ein gesundes Sexualleben genossen werden. Allerdings können auch psychische Auslöser vorliegen. So können Stress in der Beziehung oder auf dem Arbeitsplatz die Erektionsprobleme begünstigen. So sei es damals bei ihr gewesen, schrieb Katrin. Ein ruhiges, klärendes Gespräch habe bereits Wunder gewirkt. Allerdings könne auch eine Depression dahinterstecken oder eine verdrängte negative Erfahrung aus der Vergangenheit, wie ein Missbrauch, die sich nun Bahn bricht. In diesem Fall sollte schnell der Gang zu einem Therapeuten angetreten werden, um die psychischen Ursachen der erektilen Dysfunktion zu behandeln.

 

Als letztes könne Katrin Franziska nur raten, die schwere Zeit nicht nur negativ zu sehen, sondern auch als Chance zu betrachten, sollte sich wirklich eine erektile Dysfunktion als die Ursache ihres Beziehungskonfliktes herausstellen. Diese Erfahrung habe Katrin zumindest gemacht. So unangenehm das Thema auch war, es war der Auslöser, endlich mal wieder mit ihrem Mann wie zwei Teenager die Nacht durchzuquatschen. Dabei blieb kein Feld der Beziehung unberührt. Beide haben liegen gebliebene und verdrängte Probleme und alte Konflikte hervorgekramt und bearbeitet, die unterschwellig weiter arbeiteten, haben ihre Wünsche und Bedürfnisse, die in der langen Zeit der Beziehung mitgewachsen sind und die sich verändert haben, besprochen, gemeinsam habe man sich an die Zeit des Kennenlernens und die schönen Lebensphasen erinnert. Beide haben sich nach all den Jahren neu kennengelernt. Dies und das Durchleben der schweren Zeit habe sie beide noch enger zusammengeschweißt, es sei als hätte man sich neu verliebt. Katrin schrieb hier nicht nur ihre eigene Leidens- und Erfahrungsgeschichte, sie gab Franziska auch einen teuren Rat und eine neue Sichtweise mit auf den Weg.

 

Es dauerte einige Zeit, bis sich Franziska in dem Forum erneut zu dem Problem äußerte. Katrin habe Recht gehabt, ihr Mann litt an einer erektilen Dysfunktion. Die Ursachen waren letztlich banal und doch hätte dieses Problem beinahe eine Ehe zerstört. Franziska habe ihren Mann auf ganz neue Art kennengelernt und viele Beziehungsprobleme konnten durch offene und ehrliche Gespräche gelöst werden. Zuletzt gingen sie gemeinsam zum Arzt, der eine erektile Dysfunktion feststellen und behandeln konnte. Franziska ist froh, nun auch ihre Geschichte an andere Frauen weitergeben zu können und so vielleicht einen neuen Blickwinkel auf die Probleme des Mannes eröffnet zu haben.

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